Die Definition der Zielgruppe – ein leidiges (und oft vernachlässigtes) Dauerthema
Vor zehn Jahren habe ich hier schon mal einen Beitrag zu genau diesem Thema geschrieben. Manche Ratschläge aus der Zeit halten erstaunlich gut. Andere sind heute eher peinlich. Deshalb restauriert dieser aktuelle Beitrag das Thema der Zielgruppendefinition.
Damals fand ich die Frage ungefähr so spannend wie die AGB der Deutschen Bahn. Steve Naumann hatte das Thema vorgeschlagen und ich mein gequältes Lächeln vom letzten Zahnarztbesuch aufgesetzt. Die Grundhaltung des damaligen Artikels war richtig: Start bei den eigenen Stärken und Wunschkunden, klare Absage an die „Zielgruppe ALLE“. Was sich aber geändert hat, sind Werkzeuge, Datenlage und vor allem der Preis für Nachlässigkeit. Heute spucken LLMs in Minuten generischen Content aus. Suchmaschinen und ChatGPT & Co. liefern Antworten, bevor jemand auf eine Website klickt. Relevanz ist knapper geworden – und damit auch die Toleranz für Content, der bei deiner Zielgruppe nicht ankommt, weil er an allen vorbeigeht.
Dieser Beitrag zeigt, wie Professionals 2026 ihre Zielgruppe so definieren und nutzen, dass Content nicht in der Schublade landet und die Positionierung nicht durch den nächsten Social-Hype verwässert wird.
Warum unklare Zielgruppen 2026 teurer sind als 2016
Laut Destatis zählten 2024 rund 3,2 Millionen Unternehmen in Deutschland zu den KMU – 99,3 Prozent aller Unternehmen. In ihnen arbeiten 54 Prozent der Beschäftigten. Die absolute Zahl ist gestiegen, die Herausforderung aber auch: In einer Content-Flut, die LLMs noch schneller und billiger machen, fällt generischer Output sofort durch. Wer nicht weiß, für wen er schreibt, produziert entweder zu breit (und wird unsichtbar) oder zu markennah (und wird ignoriert).
Das Tempo kommt nicht aus strategischer Entschlossenheit. Es kommt aus der Bequemlichkeit der Tools. LLMs machen es verführerisch einfach, „irgendwas“ zu veröffentlichen. Viele Unternehmen gönnen sich irgendwann ein fundiertes Content-Konzept. Dann landen Zielgruppe und Personas in der Schublade. Die Kommunikation schaltet auf schnelle Erfolge um – Video-only, Format-Hypes, Challenges, die mit den Kernbotschaften nichts zu tun haben. Die Sprite-Challenge und ähnliche Phänomene sind nur die lautesten Beispiele für einen Reflex, der Aufmerksamkeit über Relevanz stellt. Das Ergebnis ist austauschbarer Content und eine verwässerte Positionierung. Mich erinnert das immer an Frittenbuden, die neben Currywurst auch noch Gyros, Pizza und Nasi Goreng im Angebot haben. Ob das der Zielgruppe schmeckt?
Dabei liegt die Chance gerade in den Nischen. Auch die spezialisiertesten B2B-Themen finden ihr Publikum – nur eben kein Massenpublikum. Dafür eines, das kauft und bleibt.
Die Beobachtung, dass 60 bis 70 Prozent des B2B-Contents ungenutzt bleibt, stammt ursprünglich von SiriusDecisions und wird von Forrester und Praxisberichten weiterhin als hartnäckig bestätigt. Neuere CMI-Daten zeigen ergänzend, dass nur ein kleiner Teil der Marketer die eigene Content-Strategie als wirklich wirksam einstuft. Beides hängt zusammen: Ohne klare Zielgruppe und ohne konsequente Nutzung der Erkenntnisse entsteht Output, den niemand braucht.
Zielgruppe, Persona und ICP: Diese Unterschiede zählen bei der Zielgruppendefinition
Eine Zielgruppe bündelt Menschen oder Unternehmen mit gemeinsamen Merkmalen und Verhaltensweisen. Die Persona ist der idealtypische Vertreter – fiktiv, aber datenbasierend. Das Ideal Customer Profile (ICP) beschreibt auf Firmenebene, welche Unternehmen überhaupt passen.

Wichtig: Das sind die Unterschiede zwischen Zielgruppe, Persona und ICP.
Im B2B reicht die Einzel-Persona oft nicht. Kaufentscheidungen fallen in Buying Centern: mehrere Rollen mit unterschiedlichen Fragen, Einwänden und Informationsbedürfnissen. Wer nur für eine einzelne Figur schreibt, bestätigt jede Rolle in ihrer eigenen Sicht und erschwert den Konsens. Inhalte, die auf die Kaufgruppe als Ganzes zugeschnitten sind – also die gemeinsamen Entscheidungsfragen und die typischen internen Abstimmungsprobleme adressieren – verbessern die Einigungsfähigkeit spürbar. Das klingt zunächst paradox, ist aber der entscheidende Punkt: Individuell zugeschnittener Content kann den Konsens im Buying Center sogar verschlechtern, während Content, der die Gruppe als Entscheidungseinheit im Blick hat, ihn verbessert. Der Unterschied ist kein akademischer. Er entscheidet, ob Content den Kaufprozess voranbringt oder blockiert.
Zielgruppen definieren: Relevante Merkmale bestimmen
So viel sollte bisher klar sein: Eine Zielgruppe oder auch mehrere Zielgruppen sind nichts anderes als eine gedankliche Bündelung von Menschen mit gemeinsamen Merkmalen, Eigenschaften und Verhaltensweisen.
Damit die Zielgruppendefinition aber nicht im luftleeren Raum stattfindet, sollte sie beim eigenen Produkt, Angebot bzw. Unternehmen beginnen:
- Was können wir / was kann unser Produkt richtig gut?
- Wofür stehen wir als Unternehmen?
- Wo haben wir besonders große Erfahrung?
- Was können wir / was kann unser Produkt besser als andere?
- Welchen Nutzen liefern wir?
- Was haben Kunden konkret von unserem Produkt?
Gerade zu Beginn einer Unternehmung ist es darüber hinaus sinnvoll, auch zu definieren, für welche „Wunschkunden“ man am liebsten arbeiten möchte – und für welche Kundensegmente eher nicht.
Typische Leitfragen sind:
- Welche Kunden wollen wir ansprechen (Branchen, Größe, Region, Preissegment …)?
- Welche Kunden wollen wir nicht ansprechen?
- Wer passt zu uns (fachlich wie menschlich)?
- Wer passt überhaupt nicht zu uns?
- Welche Kunden überlassen wir „gerne“ unseren Mitbewerbern?
Erst wenn diese Fragen geklärt sind (und zumeist sind sie das nicht!), stellt sich die zentrale Frage, für wen das eigene Angebot nützlich ist.
Die klassischen Kriterien, um eine Zielgruppe zu beschreiben, sind demografische sowie sozioökonomische Merkmale wie
- Geschlecht
- Alter
- Wohnort/Region
- Familienstand
- Bildung
- Beruf
- Position
- (im B2B: ökonomische Merkmale wie Rechtsform, Unternehmensgröße, Branche, Finanzen)
Für sich allein sind diese Merkmale aber wenig relevant, da sie nichts über die psychografischen Merkmale aussagen. Die sind aber wichtig, schließlich sollten Anbieter verstehen, vor welchen Herausforderungen ihre Kunden stehen und welche produktbezogenen Probleme sie beschäftigen. Nur so können sie im Rahmen der Unternehmenskommunikation wirklich relevante Kernbotschaften entwickeln und senden.
Zu den psychografischen Merkmalen gehören
- Interessen
- Einstellungen
- Präferenzen
- Herausforderungen
- Bedürfnisse
- Kaufverhalten
- Preisorientierung
Wie gelange ich an relevante Daten? Konzentriere dich auf eigene Stärken und echte Kunden
Die große Herausforderung – und damit auch der Punkt, der die Zielgruppendefinition manchem so unsexy erscheinen lässt – ist das Sammeln und Auswerten der Daten. Schließlich müssen wir die hier gelisteten Kriterien mit belastbaren Informationen hinterlegen. Also, woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Die wichtigsten Informationsquellen sind deine (potenziellen) Kunden.
- Befrage sie im Rahmen einer Kundenumfrage entweder persönlich oder binde eine Umfrage auf deiner Webpräsenz bzw. deinem Newsletter ein (dabei helfen dir Freemium-Tools wie z. B. SurveyMonkey, mit denen du individuell Marktforschung betreiben kannst).
- Beobachte Prompt-Formulierungen in den großen LLMs: So erfährst du, welche Gespräche deine potenziellen Kunden mit der KI führe und was sie fragen. Und das, bevor sie deine Corporate Website das erste Mal öfnnen.
- Klingt banal, führt bei mir persönlich aber regelmäßig zu neuen Erkenntnissen: Höre Interessenten und Kunden gut zu! Nutze Briefings und den Kontakt zu Bestandskunden immer wieder auch dazu, nach relevanten Interessen, konkreten Herausforderungen und Erfolgen/Misserfolgen zu fragen. So bekommst du ein immer besseres Gefühl dafür, wie deine Zielgruppe tickt und wie du ihr konkret helfen kannst.
- Wenn du in der Branche gut vernetzt bist und du dir eine vertrauenswürdige Community erarbeitet hast, kannst du dich natürlich auch mit Kollegen austauschen oder dich bei Branchenexperten (auf Konferenzen, Barcamps oder Messen) nach ihren Erfahrungen erkundigen. Fragen kann man ja mal …
- Ebenso wichtig sind Kommentare sowie Reaktionen an den verschiedenen Social-Media-Touchpoints: Wenn du für das Marketing soziale Netzwerke nutzt, werte themenspezifische Gruppen aus und behalte im Auge, was potenzielle Kunden bewegt und welche branchenrelevanten Themen sie diskutieren.
- Demografische Daten erhältst du beispielsweise über ein Webanalysetool wie Google Analytics. Die Daten liefern einen ersten Eindruck der potenziellen Zielgruppe und können (falls gewünscht) mit externen Daten aus der Marktforschung abgeglichen werden. Nutze auch Daten aus öffentlich zugänglichen Studien und Untersuchungen deiner jeweiligen Branche. Hier bekommst du Marktforschung kostenlos auf dem Silbertablett präsentiert.
- Selbst der gute alte Google Keyword Planer kann dir bei der Zielgruppenrecherche helfen. Aus den hier gesammelten Daten kannst du ableiten, welche Aspekte bzw. welche Keywords am häufigsten nachgefragt/gesucht werden.
Kurz: First-Party-Daten sind der Goldstandard. CRM-Einträge, Support-Tickets, markenspezifische Prompts, Sales-Gespräche, Website-Verhalten und Search-Console-Daten. Viele kleinere Anbieter haben diese Daten nicht systematisch oder nutzen sie nicht. Schon fünf bis acht gute Gespräche mit bestehenden oder verlorenen Kunden liefern oft mehr Substanz als teure Reports. Primärdaten und der direkte Zugang zum Kunden bleiben der Wettbewerbsvorteil – besonders im B2B, wo Vertrauen nicht allein über automatisierte Prozesse entsteht.
Bedenke! Wir beschäftigen uns so dezidiert mit unserer Zielgruppe, weil wir möglichst perfekt verstehen wollen, wie Kaufentscheidungsprozesse bei potenziellen Kunden ablaufen. Erst dann können wir unser Marketing und unsere Kommunikation genau darauf abstimmen.
Deshalb sollte dir folgender Fehler auf keinen Fall passieren: Fasse deine Zielgruppen nicht zu eng! Neben Käufern oder Auftraggebern (also den „direkten Kunden“) gibt es auch noch die nicht ganz unwichtigen Multiplikatoren, Stakeholder und Empfehler. Auch wenn wir mit denen keinen Cent verdienen, sind sie im Rahmen der Content-Strategie extrem wichtig, da sie zur Sichtbarkeit unserer Kernbotschaften beitragen.
Personas: Aus der jeweiligen Zielgruppe extrahieren wir einen idealtypischen Vertreter mit klarem Profil
Zugegeben, das Konzept der Zielgruppe erscheint manchmal recht nüchtern. Beim Zusammentragen der hinter den Kriterien stehenden Informationen fragt sich der eine oder andere vielleicht, ob man sich nicht gerade zu weit vom eigenen Business oder Unternehmen wegbewegt.
Um diese Zweifel auszuräumen, bedienen wir uns einer Technik, die die gesammelten Informationen noch einmal zusammendampft und damit für Überblick sorgt. Aus den Beschreibungen zur jeweiligen Zielgruppe basteln wir uns jetzt einen idealtypischen Vertreter: die Persona. Sie ist eine (zumeist fiktive) Person, die stellvertretend für eine größere Gruppe von Menschen mit ähnlichen Merkmalen und Verhaltensweisen steht. Sie verleiht den anonymen Zielgruppendaten ein konkretes Gesicht.
Ein weiterer Vorteil: Mit der Persona kann sich die Zielgruppenbeschreibung auch an realen Personen – und somit an bereits bestehenden Kundenkontakten – orientieren.
Wie schon bei der Zielgruppendefinition können wir uns bei der Entwicklung einer Persona einiger Leitfragen bedienen. Diese müssen sich an Unternehmen, Produkt oder Dienstleistung orientieren – und legen im B2C naturgemäß einen Fokus auf das private Umfeld und den Lebensstil.
Wichtige Leitfragen sind:
- Wer ist die Person? Welche demografischen Merkmale zeichnen sie aus?
- Welchem Beruf geht sie nach? Welchen Bildungsabschluss hat sie?
- Verheiratet? Kinder?
- Wie ist der Lebensstil?
- Welche Einstellungen zeichnen die Person aus?
- Welche Interessen/Vorlieben/Hobbys hat sie?
- Wo, wie und zu welchen Themen informiert sich die Person?
- Wie ist das Online-Nutzungsverhalten?
- Wie trifft die Person Kaufentscheidungen? Ist sie markentreu/preisbewusst?
- Wird sie im Rahmen der Kaufentscheidung von anderen Personen beeinflusst?
- Welchen Nutzen hat die Person von unserem Produkt/unserer Dienstleistung?
Im B2B verschiebt sich der Fokus in Richtung Beruf und Unternehmen:
- Wer ist die Person? Welche demografischen Merkmale zeichnen sie aus?
- Branche & Größe des Unternehmens/der Abteilung?
- Welche Position hat die Person inne? Welchen Vorgesetzten arbeitet sie zu?
- Welche persönlichen/beruflichen Ziele hat sie?
- Vor welchen Herausforderungen und Problemen steht sie?
- Warum kommt die Person zu uns?
- Welche Erwartungshaltung hat sie?
- Inwiefern profitiert die Person von unserem Angebot – wie können wir konkret helfen?
- Wie eignet sie sich Wissen an? Wie recherchiert sie nach relevanten Informationen?
- In welchem Rahmen ist sie für den Kauf eines B2B-Produkts bzw. die Beauftragung von Dienstleistungen zuständig?
Synthetische Personas: Was sie sind, was sie können – und wo sie gefährlich werden
Synthetische Personas sind noch relativ neu und werden häufig mit klassischen Personas in einen Topf geworfen. Das ist ungenau.
Klassische Personas entstehen aus Interviews, Workshops, CRM-Daten und Beobachtungen. Sie sind verdichtete, forschungsbasierte Archetypen. Ihr Wert liegt in der gemeinsamen Sprache, die Marketing, Vertrieb und Produkt über den Kunden finden.
Synthetische Personas sind digitale Repräsentationen, die mit KI erzeugt oder angereichert werden. Sie können auf realen Daten basieren (Interviews, Support-Tickets, Umfrageantworten) oder – im schlechteren Fall – aus generischen Prompt-Annahmen. Manche sind interaktiv und antworten auf Fragen. Digitale Zwillinge orientieren sich stärker an konkreten Personen oder Rollen. Synthetische Panels kombinieren mehrere Modelle, um Muster über eine Zielgruppe hinweg zu testen.
Der Vorteil liegt in der Geschwindigkeit und im Preis. Man kann Sprache testen, Formulierungsvarianten gegeneinander laufen lassen, Einwände aufdecken und Optionen eingrenzen, bevor man teure Produktionsentscheidungen trifft. Forrester sieht den eigentlichen Nutzen nicht in der schnelleren Erstellung, sondern in der besseren Aktivierung von Audience-Wissen über Teams und Workflows hinweg.
Die Nachteile und Risiken sind allerdings real:
- Ohne belastbare Datengrundlage halluzinieren sie. Sie produzieren dann überzeugend klingende, aber erfundene Profile.
- Sie neigen dazu, zu positiv und zu glatt zu werden – eine Art Persona-Theater 2.0.
- Sie erzeugen falsche Sicherheit. Teams glauben, sie hätten „die Zielgruppe verstanden“, obwohl sie nur mit einer Simulation gesprochen haben.
- Sie ersetzen keine echte Forschung. Sie grenzen Entscheidungen ein, treffen sie aber nicht exakt.

Synthetische Personas können als Sparringspartner im Marketing agieren.
Worauf man beim Einsatz achten sollte: Antworten müssen auf realen Nutzeraussagen basieren. Wo die KI Lücken lässt, wird mit echten Menschen validiert. Synthetische Personas sind ein kostengünstiges Vorscreening und ein Sparringspartner, aber kein Ersatz für Primärdaten und direkten Kundenkontakt. Wer das verwechselt, baut sich eine teure Form von Bauchgefühl.
Zwei brauchbare Tools:
- HubSpot Make My Persona (kostenlos, deutsch) für schnelle Struktur
- Radical Personas (auf deutsch, Free-Plan und ab 29 €) für synthetische Tests mit psychologischen Ebenen. Gut als Sparringspartner, nicht als Ersatz
Aus den zusammengetragenen Informationen zielgruppenrelevanten Content entwickeln
Wie bereits mehrfach erwähnt: Eine präzise Zielgruppendefinition bzw. aussagekräftige Personas unterstützen dein Business nicht nur im Vertrieb, sondern vor allem im Content-Marketing.
Kommunikationsinhalte, egal ob online oder offline, entfalten im Marketing ihre volle Wirkung nur,
- wenn die Kernbotschaften sitzen,
- die Inhalte auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten sind
- und ihr einen Nutzen liefern.
Schlussendlich sind es nämlich genau diese Inhalte, die via LLM und Suchmaschine recherchiert oder in sozialen Netzwerken von den gewünschten Personen wahrgenommen werden.
Eine der wichtigsten Fragen im Rahmen der Content-Planung ist demnach: „Ist das Thema wirklich relevant für unsere Zielgruppe bzw. Persona oder interessiert es niemanden, der für uns wichtig ist?“
Ein reales Beispiel aus der Content-Praxis
Für planus media (Mediaagentur aus Köln, Branche: OOH, DOOH und Geomarketing) gibt es zwei klar unterschiedliche Zielgruppen zum selben Produkt „Programmatic OOH“. Zum einen die klassischen Außenwerbe-Einkäufer und zum anderen Onlinemarketer. Die Zielgruppendefinition und Personas zeigten, dass beide Gruppen völlig unterschiedliche Fragen, Begriffe und Entscheidungslogiken mitbringen.
Daraus entstanden zwei getrennte Content-Pfade: Für die einen wurde die programmatische Logik in vertraute, vorstrukturierte Deals und Points-of-Interest-Pakete übersetzt. Für die anderen wurde der Kanal in bestehende digitale Workflows und Performance-Logik eingeordnet. Eine einzige Seite hätte beide Zielgruppen nicht übersichtlich mit den nachgefragten Informationen versorgt. Somit war die unterschiedliche Ansprache keine stilistische Spielerei, sondern die direkte Folge der Zielgruppendefinition.

So werden die „traditionellen“ Außenwerbekunden angesprochen. (Quelle: Screenshot planus media)

… und so die Online-Marketer, die eine ganz andere Sprache sprechen. (Quelle: Screenshot planus media)
Das gleiche Prinzip gilt übrigens auch für das LLM-Rechercheverhalten der Zielgruppe. Die Übersetzung läuft fast genau wie im klassischen SEO: Frage-Cluster identifizieren, daraus Pain Points ableiten und mit Content-Assets exakt die Anforderungen der Zielgruppe bedienen. Wer weiß, welche Formulierungen potenzielle Kunden in ChatGPT oder Gemini verwenden, schreibt keine generischen Thought-Leadership-Stücke. Er liefert die Argumentationshilfe, die im internen Abstimmungsprozess wirklich gebraucht wird.
Dass aus Personas trotzdem oft nur „Thought Leadership“ wird, liegt selten an der Methode. Das Problem ist, dass die Personas in der Schublade verschwinden, anstatt aktiv gepflegt und für die externe Kommunikation genutzt zu werden. Umgangssprachlich nennt man das auch „Geld zum Fenster herauswerfen“.
Praktischer Workflow für begrenzte Ressourcen
Ein realistischer, wiederkehrender Prozess im Content-Marketing sieht so aus:
Content-Assets auf Basis der definierten Zielgruppen und Personas entwickeln. Nach der Veröffentlichung regelmäßige SEO- und GEO-Analysen. Die Analysen zeigen, an welchen Themen und Content-Formaten die potenziellen Kunden am meisten interessiert sind. Daraus entsteht ein Loop: Erkenntnisse fließen zurück in die Personas und in die nächste Content-Runde. Jede Wirkung wird gemessen.
Die meisten Marketer scheitern allerdings an der Kontinuität. Personas werden nicht weiterentwickelt, weil „irgendwie“ läuft das Content-Marketing ja. Ohne regelmäßige Unterfütterung mit aktuellen Daten bedienen Marken nur den jeden Tag älter werdenden Stand. Irgendwann öffnet sich die Schere zwischen Binnen- und Außensicht. Dann können die Personas in Rente gehen – sie sind nicht mehr relevant.
Die Validierung gegen CRM-, Sales- und Service-Daten spielt eine große Rolle. In der Praxis stellt man dafür entweder Daten-Analysten ein oder beauftragt spezialisierte Dienstleister. Die Realität sieht oft anders aus: Aus Kostengründen wird darauf verzichtet. Damit entkoppelt man seine Marke nach und nach von der Realität.
Und was sind die typischen Fehler der Zielgruppendefinition?
Der teuerste Fehler bleibt die Schublade: Die Grundlagen werden erarbeitet, danach folgt der Switch zu schnellen Social-Erfolgen und Format-Hypes.
Ebenso teuer und schleichender: fehlende Datenpflege. Personas und Zielgruppendefinitionen werden nicht weiterentwickelt. Die externe Kommunikation basiert irgendwann nur noch auf „erwünschten Realitäten“, nicht mehr auf harten Fakten. Die Positionierung verwässert, ohne dass es jemand sofort merkt.
Weitere Klassiker: zu viele Personas, rein demografische Profile und KI-Personas ohne Validierung an realen Kunden.
Fazit: Auf Gemeinsamkeiten achten, fokussiert bleiben und sich nicht in Details verlieren!
Ich weiß! Das waren jetzt knapp 3.000 Wörter zur Zielgruppendefinition und zum Persona-Konzept, flankiert von ein bisschen Content-Strategie. Die eine lächelt jetzt wissend und denkt sich: „Habe ich doch alles schon gewusst, wann kommt der Ostermann denn mal mit etwas Neuem?“ Der andere stöhnt und hisst die weiße Flagge, weil das zu viele Informationen in einem Rutsch waren.
Aber wir alle halten fest: Ohne Zielgruppe und Kenntnisse über unsere Personas kann der Ansatz des inhaltsgetriebenen Marketings nicht funktionieren – oder er wird sehr, sehr teuer!
Zum Abschluss habe ich noch zwei Tipps sowie eine gute bzw. schlechte Nachricht (je nachdem), die ich bisher nur streifen konnte:
- Ja, es ist unter Umständen extrem interessant, sich mit der Zielgruppe des eigenen Unternehmens zu beschäftigen, aber es lauert auch die Gefahr, sich in den Details zu verlieren. Berücksichtige deshalb immer, welche Informationen du wirklich für dein Business benötigst und welche nicht.
- Um diese Fokussierung zu gewährleisten, achte ganz besonders auf Gemeinsamkeiten, die alle Zielgruppen-Mitglieder verbinden. Gibt es diese nicht, solltest du ganz dringend deine Zielgruppendefinition anpassen!
Die gute bzw. schlechte Nachricht: Eine Zielgruppendefinition ist niemals fertig, und auch eine Persona wird sich immer weiterentwickeln. Marketing und Kommunikation sind agil: Fast wöchentlich poppen neue Touchpoints auf, andere verlieren an Bedeutung. Zielgruppen recherchieren über die Jahre anders nach Informationen (vor allem seit es die unterschiedlichen KI-Tools gibt!) und Personas sehen sich mit neuen bzw. anderen Herausforderungen und Problemen konfrontiert. Und deine Content-Strategie auch.
Was ich dir konkret damit sagen möchte: Die Definition der Zielgruppe ist kein lästiges Ritual und kein akademisches Glasperlenspiel. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Content überhaupt wirken kann. Wer sie ernst nimmt, sie mit aktuellen Daten am Leben hält und die Erkenntnisse konsequent nutzt, spart am Ende mehr, als er investiert hat.
Die Alternative ist bekannt: viel Output, wenig Wirkung, und die Hoffnung, dass der nächste Hype es schon richtet. Er tut es nicht.


![Personas im Content-Marketing – Dr. Jekyll, Mr. Hyde und weitere zwiespältige Zielgruppen mit Doppelleben [Remastered]](https://www.zielbar.de/magazin/wp-content/uploads/2019/11/personas-content-marketing-130x72.jpg)




Ja, ja, das leidige Thema Zielgruppe. Auch ich habe mich zu Beginn meiner Selbstständigkeit sehr viel mit diesem Thema beschäftigt. Und noch immer kann ich dank solcher Artikel wie diesem hier noch einiges dazu lernen. Vielen Dank!
Hallo Paulina!
Ja, da hat der Steve Naumann eine gute Idee gehabt, als er das Thema vorgeschlagen hat. :) Danke für dein Feedback, freut mich!
Beste Grüße
Marc
Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Er liefert eine gute Übersicht und die weiterführenden Links waren sehr hilfreich, um das Thema weiter zu vertiefen. Daumen hoch :-)
Da nicht für!
Herzlichen Dank für das Feedback und den nach oben zeigenden Daumen. :)
Hallo Marc, danke für den ausführlichen Artikel und den Tipp mit der App! Die kannte ich noch nicht. Das Framework dahinter hilft sicher auch in der Beratung dies „leidige“ aber wichtige Thema anzugehen. Beste Grüße
Susanne
Hallo Susanne,
lieben Dank für deinen Kommentar. Ja, das Framework hinter der App ist natürlich keine „Rocket Science“, aber (so hoffe ich) eine kleine Motivation, das Thema Zielgruppendefinition anzugehen. Es macht nämlich Spaß, damit zu arbeiten. :)
Beste Grüße
Marc
Ein toller Beitrag – DANKE!
Ich hatte schon einige dieser Art gelesen, aber gezündet hat es nie so richtig.
Das meiste macht man wohl intuitiv, also Themen für die Zielgruppe/Personas aussuchen. Aber ich glaube nun werde ich es bei mir und bei meinen Kunden nochmal überdenken und aus einer neuen Sicht angehen.
Hallo Christian,
freut mich, dass der Beitrag bei dir gezündet hat. :) Den intuitiven Ansatz kenne ich auch, aber sobald es in thematische Gefilde geht, die nichts mit Kommunikation oder Content zu tun haben, definiere ich pflichtschuldigst Zielgruppen und entwickle Personas. Da verabschiedet sich die Intuition – zumindest bei mir – nämlich ganz schnell.
Viel Erfolg und herzlichen Dank für dein Feedback!
Marc
Erst jetzt gelesen… Sehr umfassender, wichtiger und leicht lesbarer Beitrag – super! Auch ich kannte die App noch nicht. Werde ich gleich mal ausprobieren.
LG
Tanja
Hallo Tanja,
ein Lob aus so berufenem Munde freut mich sehr (auch mit Verspätung) – vor allem, weil du den Text leicht lesbar findest. Das war mein Ziel. :)
LG, schönes Wochenende
Marc
Ich habe gerade selber einen Beitrag Über Buyer Persona oder Personas geschrieben. https://selbststaendig-bloggen.de/buyer-persona. Das Thema finde ich gerade sehr spannend. Fast jeder ist dazu geneigt, die Gruppe der anzusprechenden Personen, so groß wie möglich zu halten.
Deine Schreibweise ist sehr erfrischend und es macht richtig Spaß zu lesen. Danke auch für den Tipp mit personapp. Das werde ich gleich mal ausprobieren. Bisher habe ich mir immer alles selbst zusammen gestellt inkl. Bild von einer fiktiven Person aus dem Internet.
Hallo Dirk,
freut mich, wenn der Beitrag helfen konnte. Schön zu hören, dass du Zielgruppen bzw. Personas auch eher „engmaschig“ definierst.
Viel Spaß beim Erstellen der Persona mit dem Tool. ;)
LG Marc
Sehr spannender Beitrag mit vielen Steps zur richtigen Analyse deiner Zielkunden. Da nehmt ihr einen wirklich gut an die Hand! Um noch ein wenig tiefer einzutauchen kann ich auch diese drei Beiträge empfehlen:
http://www.affenblog.de/kundenavatar/
http://www.meinstartup.com/kunden-avatar-erstellen-wunschkunden-finden/
http://www.kevinfiedler.de/blog/bessere-inhalte-mehr-verkaeufe-mit-einem-vorher-nachher-kundenavatar
Mit diesen weiterführenden Links bleiben dann auch wirklich KEINE Fragen mehr offen. ;) Danke für die Lesehinweise!
Hallo Marc,
kann mich meinen Vorrednern nur anschließen: toller Artikel, super erklärt und ganz lieben Dank für die Erwähnung :-).
Frühlingshafte Grüße aus Wien
Hallo Astrid,
die Grüße sind angekommen und freuen mich. :) Um die Erwähnung kam ich ja gar nicht herum, denn deine Vorlage ist wirklich gelungen. Noch heute macht mir die „Zielgruppe ALLE“ gute Laune. Danke dafür!
Beste Grüße zurück
Hallo Marc,
sehr guter Artikel über ein wichtiges und unterschätzes Thema. Ich habe mich auch intensiv mit dem Zielgruppen Definition auseinander gesetzt, würde auch gerne einen Link zu meinem Artikel hier rein stellen, aber das fände ich etwas unhöflich. Wenn gewünscht hole ich das noch:-).
Die genaue Definition der Zielgruppe wird von vielen Online Marketern oft unterschätzt.
Dabei ist die gezielte Ansprache meiner Interessenten extrem wichtig für meinen Erfolg und auch Kosten, egal ob ich einen Blogbeitrag schreibe, ein Optin Formular für einen Newsletter entwickle oder Facebook Werbung schalte.
Sehr interessanter Artikel!
Ich beschäftige mich auch seit einiger Zeit mit diesem Thema und kann dir bei deinem Artikel nur Recht geben.
Gruß Christian
Sehr guter Beitrag, ich werde ihn fleißig in meinen Kursen empfehlen und posten!
Liebe Florine,
das hört sich sehr gut an. ;) Besten Dank für dein Feedback!
Hallo Marc,
ich bin zum ersten mal auf deiner Seite „gelandet“ und möchte dir erst einmal sagen, das dein Layout echt gelungen ist.
Wir sind gerade bei der Definition einer Zielgruppe zu einem neuen Thema und besonders der Abschnitt „Wie gelange ich an relevante Informationen über meine Zielgruppe?“ ist für uns sehr wertvoll…
Alleine dazu lässt sich ein eigener Beitrag erstellen ;-)
Danke für die Infos und weiter so….
Hi Florian,
lieben Dank für dein Feedback. Eine Sache muss ich aber richtigstellen, sonst ziehen mir meine Kollegen die abstehenden Ohren lang: Zielbar ist ein Gemeinschaftsprojekt. Ich bin nur ein ein kleiner Teil davon. Dein Lob habe ich aber schon weitergetragen. ;)
Für euer Projekt wünsche ich euch alles Gute!
Beste Grüße
Marc
Hallo Marc, ich habe mich gerade in den Tiefen des www verloren und bin auf eurer Seite angekommen. Chapeau, die Seite macht Lust auf mehr. Sehr viel mehr sogar. Ich habe mich gerade durch den Leitfaden durchgehangelt und sehe die Fehler, die wir in unserer eigenen Zielgruppendefinition gemacht haben. Das bedarf einer deutlichen Korrektur. Vielen Dank für deine Arbeit und dass du das für jedermann zugänglich machst. Viele Grüße, Robert
Hi Robert,
herzlichen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich, wenn der Beitrag weiterhelfen konnte. Dafür ist er schließlich da. ;) Ich wünsche euch und eurem Projekt noch viel Erfolg!
Beste Grüße
Marc
[…] Identifizieren der Zielgruppe […]
[…] Um dieser Enttäuschung vorzubeugen, hilft es, vor der Publikation zu überprüfen, ob es eine Zielgruppe an Interessenten gibt und ob das eigene Buch tatsächlich eine Neuheit auf dem Markt ist. Natürlich kann aber auch genau […]
Sehr guter, interessanter – und vor allem umfangreicher – Beitrag. Und auch immer noch unverändert aktuell. Danke dafür!
Aber es steckt eben leider ein enormer Aufwand dahinter, wenn man Zielgruppen in dieser detaillierten Ausprägung eruieren und definieren möchte.
Bei mir reicht es meistens nur für den Ansatz aber irgendwann kürze ich dann gerne ab. :)
Ein Fehler, ganz klar!
Hallo Torsten,
lieben Dank für deinen Kommentar. Du hast recht! Es ist extrem aufwendig, die Zielgruppe in der hier beschriebenen Art – also bis hin zur Persona – zu definieren. Und ganz unter uns: Der Prozess ist in dieser Form und Schönheit idealtypisch beschrieben. Deshalb denke ich: Eine Abkürzung kannst du sicherlich einbauen. Damit hast du dir dann immer noch mehr strategische Gedanken gemacht als viele andere. ;)
Beste Grüße Marc
Vielen Dank Marc für den wertvollen Beitrag.
Dieser Satz von dir ist so wichtig „Höre Interessenten und Kunden gut zu!“
Jemanden ganz bewusst zuzuhören und auch dem Gegenüber dem Raum dafür zu geben ist so wichtig und war für mich auch ein Riesen Gamechanger meine Zielgruppe noch besser zu verstehen.
Danke dass du mich daran wieder erinnert hast :)
Toller Artikel, danke, Marc. „Eine Zielgruppendefinition ist niemals fertig, und auch eine Persona wird sich immer weiterentwickeln.“ Wie wahr, wie wahr. Und ich stimme dir auch zu, wenn du sagst, man muss wissen, für wen man NICHT arbeiten will.
Mittlerweile frage ich mich bei jeder Anfrage „Macht es Sinn, ein Angebot zu schreiben?“ – die Chemie spielt immer eine große Rolle.
Hi Kathrin,
freut mich, dass das alte Schätzchen noch gelesen wird. Danke für dein Feedback!
Und: Deinen Ansatz, dich bereits im Vorfeld zu fragen, ob die Chemie bei NeukundInnen stimmt, finde ich absolut richtig. Wir alle kennen Projekte, in denen das nicht der Fall war. Dann wird unser geliebter Job schnell zur Quälerei. Muss nicht sein. Andere Mütter haben schließlich auch schöne Budgets. ;)
LG Marc
Ist schon verrückt, wie oft man ins Blaue kommuniziert, wenn die Zielgruppe zu vage bleibt. Gerade beim Thema SEO zeigt sich dann schnell, wie teuer das werden kann, wenn Inhalte an den Leuten vorbeigehen, die man eigentlich erreichen will. Persönlich finde ich die Kombination aus Zielgruppenarbeit und Content-Strategie besonders spannend, weil sie oft unterschätzt wird und so viel Potenzial bietet.
Was denkst du, Marc – wäre es nicht hilfreich, wenn man dazu gleich eine Art Themencluster-Framework mitliefert?
Hallo Leo,
besten Dank für deinen Kommentar. Zu deiner Frage: Ja natürlich ist es hilfreich das Themencluster-Framework gleich mitzuliefern.
Aber lass es dir auch von deinen Kunden bezahlen – die meisten wissen nämlich nicht, was das ist. Leider. ;)
LG Marc