Warum ich keinen Beitrag mit der Überschrift „10 affengeile Überschriften für Beiträge, die wir nie geschrieben haben“ geschrieben habe

Kein Beitrag mit der Überschrift „10 affengeile Überschriften für Beiträge, die wir nie geschrieben haben“

Eigentlich wollte ich etwas völlig anderes schreiben. Etwas Lockeres zum Jahresausklang bei Zielbar – bloß keinen dieser entsetzlichen Rückblicke! Und einen Titel hatte ich auch schon: „10 affengeile Überschriften für Beiträge, die wir nie geschrieben haben“. Eben dies war das Problem.

Zwar halte ich die Idee immer noch für gut, sich mal in geballter Form (und unter Einsatz derselben Mittel) über Clickbaiting & Co. lustig zu machen – und dabei so zu tun, als würden wir bei Zielbar immer erst die Überschriften festlegen, um anschließend zu gucken, was sich damit so alles anstellen lässt. Doch der Teufel steckt ja bekanntermaßen im Detail, und je länger ich darüber nachdachte, desto weniger gefiel mir das Ganze. Um es kurz zu machen: Die zehn Überschriften zu erfinden, um die es später im Beitrag gehen sollte, wäre das geringste Problem gewesen. Aber was dann? Sie einfach auflisten und hoffen, dass die Leser vor Lachen vom Stuhl kippen? Nee … Vielmehr hätte ich mir noch fiktive Storys dazu einfallen lassen müssen, damit die Sache rund ist und der Witz wirkt. Total überambitioniert. Ich bin im Grunde genommen also an genau dem gescheitert, worüber ich mich ursprünglich hatte lustig machen wollen: Beiträge von den möglichst knalligen Überschriften her zu entwickeln. Allerdings war es ein Scheitern in Zeitlupe.

Denn tatsächlich schaffte ich es erst nach wochenlangem Irrflug, endlich loszulassen und den Kopf wieder frei zu bekommen. Mit Erfolg. Stattdessen habe ich also was über das Loslassenkönnen bei der Content-Entwicklung [sic!] geschrieben – passt ja auch gut zu unserer diesjährigen Blogparade „Entscheidungen“. Zudem enthält der Beitrag jetzt einen nicht unwichtigen Ratschlag für alle (jungen) Redakteure, Autoren, Texter und Blogger.

William Kotzwinkle ist an allem schuld

Schuld an dem gescheiterten Vorhaben ist übrigens der US-Schriftsteller William Kotzwinkle. Dieser hat sich in den frühen 1980ern mit der Novelization von Stephen Spielbergs Blockbuster „E.T. – Der Außerirdische“ eine goldene Nase verdient, davor und danach aber einige weitaus bessere Romane geschrieben. Die meisten davor. Danach konnte er es schließlich etwas ruhiger angehen lassen. „Mitternachtspost“ ist allerdings noch ganz okay: 1989 erschienen, handelt die vor schrägen Einfällen nur so überbordende Satire auf die New Yorker Regenbogenpresse von der versehentlichen Ermordung des Mafiabosses Tony Baloney durch die Pornodarstellerin Mitzi Mouse. Sofort eilen ihr ihre Freunde von der Mitternachtspost rund um Chefredakteur Howard Halliday zu Hilfe und richten ein reichliches Chaos an … So viel zum Klappentext. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Der eigentliche Star des Romans sind sowieso die immer wieder eingesprengselten irrwitzigen Ideen für hysterische Headlines, die den Redakteuren in einer Tour durch den Kopf schießen: „KITEKAT ALLE, KATZE FRISST HERRCHEN“ – „ARABERFRAU HEIRATET KAMEL“ – „HÄNGEMATTEN-VERTRETER WIRD KÖNIG EINES DSCHUNGELSTAMMES“ – „WIR LIEBEN UNSERE ZWEIKÖPFIGE SCHWESTER“ – „UFO IN GEBÄRMUTTER UNSERER TOCHTER ENTDECKT“ … und dergleichen mehr. Ganz großes Tennis. Und schon damals nicht wirklich weit von der Realität entfernt.

Jedenfalls war Kotzwinkle Kult, und einige der skurrilsten Schlagzeilen des Romans haben sich für immer in meinen Cortex eingebrannt. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich irgendwann auf komische Gedanken kommen würde.

Wenn Ideen zum Hemmschuh werden

Als wir im Redaktionsteam Anfang November nach einem leicht verdaulichen, idealerweise sogar halbwegs lustigen Thema für den allerletzten Zielbar-Beitrag in 2016 fahndeten, war es schließlich soweit: Der Kotzwinkle-Fanboy in mir regte sich und ließ unversehens die Headline „10 affengeile Überschriften für Beiträge, die wir nie geschrieben haben“ in Großbuchstaben in meinem Kopf aufleuchten! Und weiter bin ich dann nicht gekommen. Denn ein funktionierender Beitrag zur Schlagzeile mit allem Drum und Dran (z. B. einem signifikanten Nutzen für die Zielgruppe) wollte mir einfach nicht einfallen … Trotzdem kam ich nicht so recht von der Idee weg.

Alle, die regelmäßig Content planen und produzieren, kennen dieses Phänomen: Wie aus dem Nichts ist da plötzlich dieser eine, auf den ersten Blick ganz und gar großartige Einfall. Schlimmstenfalls gleich in Form einer vermeintlich unschlagbaren Schlagzeile. Doch je besser diese für sich genommen ist, desto schwieriger kann es sein, sich später wieder davon zu lösen. Dabei geht einem doch normalerweise schon nach relativ kurzer Zeit auf, wenn mit der Idee irgendwas nicht stimmt. Daran dann festzuhalten und sie allen inneren Widerständen zum Trotz mit aller Gewalt umzusetzen, führt nicht selten zu schlechtem Content. In meinem konkreten Fall wären es zehn konstruierte Possen immer gleicher Machart gewesen – das wäre nur allzu rasch beliebig und öde geworden. Selbst die prima Überschrift hätte das dann nicht mehr rausgerissen. Im Gegenteil: Gerade sie hätte die Leser am Ende umso mehr enttäuscht. Und außerdem bin ich auch überhaupt nicht witzig, wie vieler meiner ehemals besten Freunde immer wieder steif und fest behauptet haben.

Kreatives Schreiben ist Denken mit Tinte

Was ich damit sagen möchte: Ich halte es für problematisch, sich bei der Content-Produktion zum Sklaven einer auf alle Zeiten in Stein gemeißelten, schon sehr konkreten Idee zu machen. Speziell wenn es sich dabei um eine bereits im Vorfeld festgelegte Überschrift handelt – egal wie affengeil sie auch sein mag. Denn Ideen brauchen Luft zum Atmen. Nur dann können sie sich im Schreibprozess weiter entwickeln, unterwegs spontan neue Seitenpfade ausprobieren und so am Ende möglicherweise zu ganz anderen Ergebnissen führen. Bis hin zum Umkrempeln der Ausgangsidee wie in meinem Fall. Alles andere ist ein Hemmschuh für die Kreativität. Oder, mal prosaisch auf den Punkt gebracht: Schreiben ist Denken mit Tinte. Aus diesem Grund sollte man meiner Erfahrung nach allenfalls mit Arbeitsüberschriften starten und diese erst zum Schluss an den Beitrag anpassen. So bleibt man beim Schreiben (und Denken) offen und beweglich.

Manche sehen das komplett anders, und ich räume ein, dass es sich hier und da vielleicht zielstrebiger und schneller arbeiten lässt, wenn man den Content einer unumstößlichen Überschrift unterordnet. Jedoch mit besagten Folgen für den kreativen Prozess, wie ich finde. Nicht meins also. Und dann ist da ja noch die Sache mit den „SEO-Überschriften“ – aber das ist zum Glück ein völlig anderes Thema.

Kurzum, loslassen kann befreiend sein, wie ich wieder einmal festgestellt habe. Mehr wollte ich mit diesem letzten Beitrag des Jahres nicht zum Ausdruck bringen. Und zu der Headline „CONTENT NICHT GUT GENUG – AUSSERIRDISCHER ABONNENT FRISST REDAKTEUR“ fällt mir ja vielleicht in 2017 noch ein passender Beitrag ein …

In diesem Sinne wünsche ich euch allen und uns einen guten Start ins neue Jahr!

Artikelbild: Martin Mummel/GRVTY

Kein Beitrag mit der Überschrift „10 affengeile Überschriften für Beiträge, die wir nie geschrieben haben“
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Andreas Quinkert

Andreas Quinkert

Andreas Quinkert ist PR-Freelancer für strategische Kommunikation. Als 1966er Jahrgang eigentlich ein Printzeiten-Relikt, fühlt er sich heute auch im Digitalen pudelwohl – mit Fokus auf Content-Strategie. Der leidenschaftliche Ruhrpottler ist seit Sommer 2015 Chefredakteur von Zielbar. Info unter Quinkert PR & Redaktion.

4 Reaktionen zu “Kein Beitrag mit der Überschrift „10 affengeile Überschriften für Beiträge, die wir nie geschrieben haben“”

  1. Bernhard

    Lieber Andreas!
    Danke für Deinen Blogpost! Las ich doch gerade wie man so tolle Übeschriften macht, daß der Artikel einfach gelesen werden muß. Sakradi, dachte ich. Das mach ich völlig anders ! Befolge ich doch immer die SEO-Version.
    Erschwerend kommt hinzu, daß ich ja nicht von der schreibenden Zunft bin und so führt das leider manchmal zu recht putzigen Ergebnissen.
    Und wenn der Artikel fertig ist und ich ihn nochmal durchlese, dann wirkt er starr und wenig lebendig. Nur das SEO-Tool ist sehr zufrieden. Und ich bin es nicht.
    Daraus ergibt sich aber leider nicht, wie ich´s besser mache. Also bis ich Deinen Artikel las. Danke!

    Antworten
  2. Timo

    Das ganze Internet besteht eben aus Clickbait News. Es zieht die Leute halt an! Darf ich mal ganz frech fragen wie du den Slider/Schieber oben gemacht hast? Also das über den Social Sharing Buttons.

    Bg

    Timo

    Antworten
    1. Andreas Quinkert
      Andreas Quinkert

      Hi Timo,
      die Schieber haben wir selbst entwickelt.

      Gruß
      Andreas

      Antworten
      1. Timo

        Habe es fast befürchtet grins :) Danke dir!

        Antworten

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