360-Grad-Audio im Aufwind: So entfalten 360-Grad-Videos ihre volle Wirkung

360-Grad-Audio im Aufwind: So entfalten 360-Grad-Videos ihre volle Wirkung

Eine Szene im dunklen Wald. Plötzlich knackt es im Gebüsch, links raschelt es. Der Herzschlag beschleunigt sich, der Blick hetzt über das fast schwarze Unterholz. Hat da hinten nicht etwas geraschelt? Ein schneller Blick zurück zeigt: Alles okay. Da springt etwas Großes mit lautem Gebrüll aus dem Blätterdach, und das Bild wird schwarz. Keuchend nimmt der Zuschauer VR-Brille und Kopfhörer ab. Es war nur eine Simulation, Glück gehabt.

So oder so ähnlich kann das Erlebnis in Virtual-Reality-Anwendungen schon heute aussehen. Noch ist die Technik nicht in der Masse verfügbar, doch 360-Grad-Fotos und -Videos ebnen bereits den Weg hin zur Alltagstauglichkeit.

Ein Faktor spielt bei der beschriebenen Situation jedoch eine entscheidende Rolle: der Sound. Egal ob Virtual Reality oder 360-Grad-Video: Ohne ordentliches und räumlich orientiertes Audio ist das Erlebnis nur halb so gut.

360-Grad-Audio: Oft vernachlässigt, jedoch unverzichtbar

Die Bedeutung von Audio in Videos lässt sich bereits bei einfachen Videos erkennen – selbst ohne O-Töne von Menschen. Spiel das folgende Video einfach mal mit und ohne Ton ab.

Die Unterschiede in der Wirkung sind enorm. Audio schafft Atmosphäre, setzt den Ton und beeinflusst maßgeblich das Gefühl und den Eindruck der Zuschauer.

Bei 360-Grad-Videos ist das nicht anders. Die Herausforderung besteht hier jedoch darin, dass der Zuschauer seinen Blick in alle Richtungen schweifen lassen kann. Damit die 360-Grad-Wirkung komplett ist, müssen sich Geräusche ebenfalls im 360-Grad-Raum verteilen und – nicht ganz trivial – Geräuschquellen zugeordnet werden.

Fährt beispielsweise ein Auto im 360-Grad-Video vorbei, sollten sich auch die Geräusche des Autos mitbewegen. Das folgende 360-Grad-Video zeigt, wie eine gute Synchronisation von Bild und Ton aussieht.

Aktuell gibt es noch vergleichsweise wenige 360-Grad-Videos mit echtem 360-Grad-Audio. Der Grund: 360-Grad-Audio – auch Spatial Audio genannt – ist in der Regel recht teuer und aufwändig aufzunehmen. Es gibt allerdings eine Ausnahme, auf die ich später im Artikel noch eingehe.

Doch zuerst zur naheliegenden Frage: Warum lohnt sich 360-Grad-Audio dann überhaupt? Die Antwort ist vierteilig:

  • 360-Grad-Audio intensiviert das Erlebnis bei 360-Grad-Videos und Virtual-Reality-Anwendungen.
  • Echtes 360-Grad-Audio macht 360-Grad-Videos auch zukunftssicher. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Systeme wie VR-Brillen und ähnliche Geräte massentauglich werden. Dann wird gutes 360-Grad-Audio ein hörbares Qualitätskriterium für 360-Grad-Videos sein.
  • Aktuell gibt es nur wenige 360-Grad-Videos mit 360-Grad-Audio. Daher kann eine echte 360-Grad-Audioaufnahme noch ein Alleinstellungsmerkmal und Marketingargument sein.
  • Sowohl YouTube als auch Facebook unterstützen Spatial Audio in 360-Grad- und VR-Videos. Entsprechende Videos erreichen aktuell – auch weil es noch wenige davon gibt – große Reichweiten und Aufmerksamkeit.

SURROUND SOUND IST KEIN 360-GRAD-AUDIO

„Gibt es 360-Grad-Audio nicht schon lange? Jedes gute Kino hat doch heute Surround-Sound-Anlagen.“ – Diese Frage kommt verständlicherweise immer wieder auf.

Surround Sound bietet unbestritten ein intensives Nutzererlebnis. Wer regelmäßig ins Kino geht, der weiß, welchen Unterschied Surround Sound im Vergleich zu den heimischen Lautsprechern ausmachen kann.

Doch Surround Sound ist kein echtes 360-Grad-Audio. Surround Sound deckt zwar vorne, hinten, links und rechts ab, doch die Dimensionen oben und unten fehlen. Diese abzubilden ist sowohl bei der Aufnahme als auch beim Abspielen von 360-Grad-Audio nicht ganz einfach.

Das folgende (Werbe-)Video verdeutlicht die Unterschiede.

360-Grad-Audio rechtzeitig mitplanen

Soll ein 360-Grad-Video mit echtem 360-Grad-Audio entstehen, muss das bereits bei der Planung des Videos berücksichtigt werden. Im Gegensatz zur – meist ebenfalls anspruchsvollen – klassischen Sound-Aufzeichnung gilt es, einige Besonderheiten zu bedenken:

  • Bei 360-Grad-Audio-Aufnahmen können Störquellen nicht ausgeblendet werden. Wie bei 360-Grad-Video-Aufnahmen gibt es auch bei Audio kein „hinter dem Mikrofon“ mehr. Drehumgebungen müssen daher sehr viel gründlicher vorbereitet werden.
  • Spielen Menschen im Video eine Rolle, müssen sich auch diese darüber bewusst sein, dass alle Äußerungen und Geräusche jederzeit zu hören sind. Im Gegensatz zu klassischen Produktionen müssen alle Darsteller immer aufmerksam sein, da sie ständig vor der Kamera – und dem Mikrofon – stehen.
  • In der Nachbearbeitung nimmt die Synchronisation von 360-Grad-Audio und -Video mehr Zeit in Anspruch als bei der normalen Videobearbeitung. Auch dieser Faktor muss bei der Planung berücksichtigt werden.

360-Grad-Audio mit kleinem Budget: Der Zoom H2N

In der Regel ist die Aufnahme von 360-Grad-Audio nur mit teuren Mikrofonen und Aufnahmegeräten möglich. Seit einiger Zeit gibt es jedoch eine Ausnahme: den Zoom-H2N-Rekorder.

Das ist übrigens keine Werbung. Der Rekorder ist schlicht das einzige Gerät im Low-Budget-Bereich, das Spatial Audio aufnehmen kann. Damit das funktioniert, benötigst du die neueste Firmware – Version 2.00 (PDF).

Das Spannende: Der H2N wird eigentlich nicht mehr hergestellt und ist daher nur noch auf Amazon und eBay verfügbar. Die teureren Nachfolger – Zoom H4 und H6 – können übrigens kein 360-Grad-Audio aufzeichnen. Der H2N kann das nur dank seiner speziellen Mikrofonanordnung, die bei den neueren Modellen nicht mehr gegeben ist.

Wenn du das Update gemacht und den H2N in den richtigen Modus gebracht hast, kann das Ergebnis beispielsweise so klingen.

Und willst du deine 360-Grad-Audio-Aufnahme mit deinem 360-Grad-Video synchronisieren, hilft dir die Software Adobe Premiere weiter. Google hält eine Anleitung für den Synchronisationsvorgang und die notwendige Vorbereitung bereit.

Wenn du dich weiterführend mit dem Thema „360-Grad“ befassen willst, empfehle ich dir folgende Artikel:

Kurzes Fazit

360-Grad-Audio wird in den nächsten Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen. Aktuell mag es noch nicht entscheidend sein, doch mit der wachsenden Verbreitung von 360-Grad-Videos, VR-Brillen und VR-Inhalten wird Spatial Audio ein essenzieller Bestandteil der Informationsvermittlung und Unterhaltung werden. Nicht zuletzt im Marketing, denn die Ansprüche der Zielgruppen an hochwertigen (Video-)Content werden in Zukunft mit Sicherheit nicht geringer werden. Daher lohnt es sich schon heute, 360-Grad-Audio in 360-Grad-Videos zu integrieren und sich das nötige Know-how anzueignen.

Artikelbild: Martin Mummel/GRVTY

Hast du schon mal mit 360-Grad-Audio gearbeitet bzw. experimentiert? Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?
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Thomas Schupp

Thomas Schupp

Thomas Schupp ist gelernter Video-Journalist, nach seinem Studium an der Westfälischen Hochschule arbeitete er zunächst am Video-Guide für die DortmundTourismus GmbH. Nun arbeitet er bei Kreative Kommunikationskonzepte, wo er in den Bereichen Kamera, Audio/Video-Schnitt und 360°-Video tätig ist.

2 Reaktionen zu “360-Grad-Audio im Aufwind: So entfalten 360-Grad-Videos ihre volle Wirkung”

  1. Rümpler

    Hallo Thomas, vielen Dank für diesen Tollen sowie Ausführlichen Betrag, in Sachen 360 Grad Video kannte ich mich etwas aus aber von 360 Grad Audio lese ich zum ersten mal.

    Antworten
  2. Christoph Ostler

    Laut unserer Erfahrung als VR-Experten halten wir 360°-Audio als ein extrem wichtiges Modul bei der Umsetzung von VR-Auftritten. 50% eines gelungen VR-Auftritts macht unser Meinung nach ein gutes 360°Audio-Konzept aus. Wir versuchen in unseren VR-Content Konzepten mit Audio zu führen bzw. Interaktionen zu fördern. So taucht der Betrachter noch mehr in die Szene ein. Hierfür haben wir den Begriff „StoryLiving“ entwickelt.

    Antworten

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